Wolfgang Lettl und Salvador Dalí – Teil 1
Port Lligat, Sonntag 7. Mai 1961
Port Lligat, 7. Mai 61
Liebste Zis,
Gestern abend bin ich hier angekommen und habe mein Zelt im Dunstkreis von Monsieur Dali aufgeschlagen. Ganz sonderbar, wie anders Spanien im Vergleich zu Frankreich ist: hart und schwer und überaus plastisch. Ich werde auch wieder ganz anders malen müssen als sonst.
… der Platzwart hat mir gesagt, Dali werde wohl nicht hier sein, er sei meistens fort, denn er ist ein Künstler. Aber er ist doch hier und um 13 Uhr habe ich eine Audienz bei ihm. Erst muss ich noch um 11 Uhr in die Kirche. Port Lligat besteht fast nur aus Dalis Haus und einem Hotel und nur ein schmaler, steiniger Weg führt her, aber es ist außerordentlich ruhig. …
7. Mai 61, abends
Liebste Zis,
Jetzt sitze ich im Restaurante und esse das erstemal ordentlich. – Jetzt bin ich fertig und leicht beschwipst aber ich kann noch denken.
Also bei Herrn Dali war ich. Er hat mir was zu Trinken gegeben. Seit fünf Monaten hat er nichts mehr gemalt, sondern schlafe, träume und schieße mit dem Revolver, ich glaube in sein Hirn, weiß es aber nicht genau, wegen der Sprachschwierigkeiten, das harte Südfranzösisch ist mir schwer verständlich. Etwas Irres hat er zweifellos an sich, vielleicht ist es nur Theater, um sich interessant zu machen oder um Unsicherheit zu verbergen. Es gibt ja viele Leute, die in der Unbeherrschtheit des Zorns irre werden, bei ihm mag es Berechnung sein.
Der Sohn des Campingplatzbesitzers, wo ich momentan mein Zelt aufgeschlagen habe, wenigstens behauptet, seine Narrheit sei nur Propaganda, und der muss es ja wissen.
Wirklich schade, dass ich mich nicht mit ihm gut unterhalten konnte. Er hat mir dann zwei Adressen in Barcelona gegeben, einen Maler und einen Architekten, die für mich interessant seien. Ich hatte mir von dieser Begegnung dummerweise etwas mehr erwartet. Aber ich glaube, von Begegnungen mit Malern darf man nie etwas erwarten, jeder sieht nur sich selber. Daheim erzähl ich dir noch mehr. …
Anmerkung
Wolfgang Lettl fuhr nach seinem Besuch bei Dalí nicht nach Barcelona.